Melisse und Incan Melissa - zwei Pflanzen, ein ähnlicher Name und faszinierende Unterschiede
Warum die echte Zitronenmelisse und die sogenannte Inka-Melisse botanisch nicht miteinander verwandt sind – und was ihre ätherischen Öle so besonders macht.
Wer sich mit ätherischen Ölen beschäftigt, begegnet früher oder später zwei interessanten Namen: Melisse und Incan Melissa. Beide Pflanzen werden wegen ihres aromatischen Duftes geschätzt, beide besitzen eine lange Geschichte in der traditionellen Pflanzenverwendung und beide können ein ätherisches Öl mit ausgeprägten zitronigen Duftnoten liefern. Doch so ähnlich ihre Namen auch klingen: Hinter ihnen verbergen sich zwei botanisch unterschiedliche Pflanzen mit eigener Herkunft, charakteristischem Erscheinungsbild und teils deutlich unterschiedlicher chemischer Zusammensetzung. Ein genauer Blick lohnt sich. Denn gerade bei ätherischen Ölen zeigt sich, wie wichtig es ist, nicht nur auf den gebräuchlichen Namen, sondern auch auf die botanische Identität einer Pflanze zu achten.
Die echte Melisse – Melissa officinalis
Die Zitronenmelisse (Melissa officinalis) gehört zur Familie der Lippenblütler (Lamiaceae). Damit ist sie botanisch beispielsweise mit Lavendel, Rosmarin, Salbei und Pfefferminze verwandt. Ursprünglich stammt die mehrjährige krautige Pflanze aus einem Gebiet, das sich vom Mittelmeerraum bis nach Zentralasien erstreckt. Heute ist sie in zahlreichen Ländern verbreitet und wird sowohl als Garten- und Gewürzpflanze als auch für die Herstellung pflanzlicher Zubereitungen kultiviert. Charakteristisch sind ihre weichen, leicht runzeligen, am Rand gezähnten Blätter. Werden diese zwischen den Fingern verrieben, entfaltet sich ein frischer, angenehm zitroniger Duft. Während der Blütezeit erscheinen kleine, meist weißliche bis blassgelbliche Blüten, die auch bei Insekten beliebt sind. Die Melisse besitzt in der europäischen Kräuterkunde eine lange Tradition. Besonders bekannt ist sie als Bestandteil von Kräutertees und pflanzlichen Zubereitungen, die mit Ruhe und Entspannung in Verbindung gebracht werden. Interessant ist dabei, dass ein Melissentee und das ätherische Melissenöl chemisch keineswegs identisch sind. Ein Tee enthält unter anderem wasserlösliche Pflanzenstoffe wie Rosmarinsäure, während das ätherische Öl vor allem aus flüchtigen, duftenden Verbindungen besteht.
Incan Melissa – Lippia alba
Hinter der Bezeichnung „Incan Melissa“ verbirgt sich die Pflanzenart Lippia alba. Sie gehört nicht zu den Lippenblütlern, sondern zur Familie der Eisenkrautgewächse (Verbenaceae). Ihre natürliche Verbreitung liegt in den tropischen und subtropischen Regionen Amerikas. Dort wächst sie als aromatischer Halbstrauch oder Strauch und ist unter verschiedenen regionalen Namen bekannt. Im Gegensatz zur eher krautigen Zitronenmelisse entwickelt Lippia alba häufig einen deutlich strauchigeren Wuchs. Ihre Blätter stehen meist gegenständig am Stängel, sind eiförmig bis länglich und besitzen einen fein gezähnten Rand. Die kleinen Blüten sind typischerweise in kompakten, köpfchenartigen Blütenständen angeordnet und können weißlich, rosa oder blassviolett erscheinen. Auch Lippia alba wird in verschiedenen Regionen Mittel- und Südamerikas traditionell als aromatische Pflanze verwendet. Der Name „Incan Melissa“ ist dabei keine wissenschaftliche Pflanzenbezeichnung. Er sollte deshalb nicht darüber hinwegtäuschen, dass es sich um eine eigenständige Art handelt, die botanisch nicht zur Gattung Melissa gehört.
Was unterscheidet die ätherischen Öle?
Besonders spannend wird der Vergleich, wenn wir uns die chemische Zusammensetzung der beiden ätherischen Öle ansehen. Ätherische Öle bestehen nicht aus einem einzigen Wirkstoff. Vielmehr handelt es sich um komplexe Gemische zahlreicher flüchtiger Pflanzenverbindungen. Ihre Zusammensetzung beeinflusst unter anderem, wie ein Öl riecht und welche Eigenschaften es unter Laborbedingungen zeigt. Das ätherische Öl der Zitronenmelisse Zu den häufig beschriebenen Bestandteilen des ätherischen Öls von Melissa officinalis gehören: - Geranial und Neral: Zwei eng verwandte Duftstoffe, die gemeinsam als Citral bezeichnet werden und wesentlich zum zitronigen Duft beitragen. - Citronellal: Eine weitere aromatische Verbindung mit frischen, zitrusartigen Noten. - Weitere Bestandteile: Je nach Pflanzenmaterial unter anderem Geraniol, β-Caryophyllen und Caryophyllenoxid. Das Duftprofil der echten Melisse wird häufig als frisch, zitronig, grün, leicht krautig und zugleich weich beschrieben. Bemerkenswert ist außerdem der vergleichsweise geringe Gehalt an ätherischem Öl in der Pflanze. Für die Gewinnung kleiner Ölmengen wird daher relativ viel Pflanzenmaterial benötigt. Das trägt dazu bei, dass echtes Melissenöl zu den kostspieligeren ätherischen Ölen gehören kann. Das ätherische Öl von Lippia alba Bei Lippia alba zeigt sich eine Besonderheit, die für die Pflanzenwissenschaft besonders interessant ist: Die Art kann unterschiedliche Chemotypen ausbilden. Ein Chemotyp ist eine chemisch unterscheidbare Ausprägung innerhalb derselben Pflanzenart. Zwei Pflanzen können also denselben botanischen Namen tragen und dennoch ätherische Öle mit deutlich unterschiedlichen Hauptbestandteilen liefern. Für Lippia alba wurden unter anderem folgende chemische Profile beschrieben:
- Citralreiche Typen: mit Geranial und Neral als wichtigen Bestandteilen.
- Carvonreiche Typen: deren Duft stärker in eine minzige oder krautige Richtung gehen kann.
- Linaloolreiche Typen: mit eher blumigen und weicheren Duftnuancen.
Damit wird deutlich, warum man Incan Melissa nicht pauschal ein einziges chemisches Profil zuschreiben sollte. Ein citralreiches Öl aus Lippia alba kann zwar ebenfalls intensiv zitronig duften. Ein anderer Chemotyp derselben Art kann jedoch ganz anders riechen. Die genaue Zusammensetzung lässt sich deshalb nur anhand einer Analyse des jeweiligen Öls zuverlässig beurteilen.
Zwei zitronige Düfte – aber keine identischen Öle
Die Gemeinsamkeit beider Pflanzen liegt vor allem darin, dass ihre ätherischen Öle – abhängig von ihrer Zusammensetzung – ausgeprägte Zitrusnoten besitzen können. Bei der echten Melisse wird der Duft häufig als etwas weicher, grüner und krautiger wahrgenommen. Citralreiche Varianten von Lippia alba können dagegen besonders klar, intensiv und spritzig wirken. Diese Beschreibungen sind allerdings keine festen naturwissenschaftlichen Kategorien. Unsere Duftwahrnehmung ist individuell, und auch natürliche Schwankungen der Inhaltsstoffe beeinflussen das Ergebnis. Ein wichtiger Grundsatz lautet daher: Ein ähnlicher Duft bedeutet nicht automatisch eine identische chemische Zusammensetzung. Das gilt übrigens auch für andere zitronig duftende Pflanzen wie Zitronengras, Zitronenmyrte oder Zitroneneukalyptus. Sie können einzelne Duftstoffe gemeinsam haben, gehören aber zu unterschiedlichen botanischen Arten.
Was sagt die Wissenschaft über ihre Eigenschaften?
Die Zitronenmelisse ist Gegenstand zahlreicher Untersuchungen. Dabei wurden sowohl Pflanzenextrakte als auch ätherisches Öl erforscht. Einige Studien beschäftigen sich mit Zusammenhängen zwischen Melissenzubereitungen, Stresswahrnehmung, Schlaf und Entspannung. Allerdings muss hier sorgfältig unterschieden werden: Ergebnisse aus Untersuchungen mit Melissenextrakten oder standardisierten Arzneimitteln lassen sich nicht ohne Weiteres auf die Anwendung des ätherischen Öls übertragen. Auch zu Lippia alba existieren wissenschaftliche Untersuchungen, unter anderem zur chemischen Zusammensetzung und zu biologischen Eigenschaften verschiedener Extrakte und ätherischer Öle. Viele dieser Erkenntnisse stammen aus Labor- oder Tierversuchen. Solche Ergebnisse sind für die Forschung wertvoll, belegen aber noch keine entsprechende gesundheitliche Wirkung beim Menschen. Deshalb wäre es wissenschaftlich nicht korrekt, die beiden Öle allein aufgrund ihres Duftes oder ihrer Inhaltsstoffe als gleichwertige Mittel gegen Stress, Schlafprobleme oder andere Beschwerden zu bezeichnen. Was sich dagegen gut beschreiben lässt, ist ihre Rolle als aromatische Begleiter: Ein angenehmer Duft kann Teil eines persönlichen Wohlfühlrituals sein, beispielsweise beim bewussten Innehalten, bei Atempausen oder in einer ruhigen Abendroutine. Wie ein Mensch einen Duft erlebt, hängt dabei auch von persönlichen Erinnerungen, Vorlieben und seiner jeweiligen Situation ab.
Worauf sollte man bei der Anwendung achten?
Natürlich bedeutet nicht automatisch harmlos. Das gilt besonders für konzentrierte ätherische Öle. Sowohl Melissenöl als auch citralreiche Varianten von Lippia alba können hautreizende oder sensibilisierende Bestandteile enthalten. Citral gehört zu den bekannten Duftstoffallergenen. Für die Anwendung auf der Haut sollten ätherische Öle deshalb nur in einer geeigneten Verdünnung verwendet werden. Bei empfindlicher Haut, bestehenden Allergien, in der Schwangerschaft sowie bei Säuglingen und Kindern ist besondere Vorsicht geboten. Ätherische Öle sollten außerdem nicht unverdünnt auf Schleimhäute oder in die Augen gelangen. Von einer eigenständigen innerlichen Einnahme ist ohne qualifizierte medizinische Begleitung abzuraten. Gerade bei Lippia alba ist zusätzlich wichtig, den jeweiligen Chemotyp zu kennen. Denn die Sicherheitsbewertung eines ätherischen Öls hängt wesentlich von seiner tatsächlichen Zusammensetzung ab.
Melisse oder Incan Melissa – welche ist die richtige Wahl?
Diese Frage lässt sich nicht pauschal beantworten. Wer den charakteristischen Duft der klassischen Zitronenmelisse sucht, wird sich wahrscheinlich für das ätherische Öl von Melissa officinalis interessieren. Wer dagegen einen ausgeprägten, frischen Zitrusduft bevorzugt, kann auch einen citralreichen Typ von Lippia alba als angenehm empfinden. Entscheidend ist jedoch, dass beide Öle nicht allein aufgrund ihrer Namen miteinander gleichgesetzt werden. Für eine bewusste Auswahl lohnt sich ein Blick auf den vollständigen botanischen Namen, die Herkunft, die Gewinnungsweise und – sofern verfügbar – die chemische Analyse des jeweiligen Öls.
Fazit:
Die Natur kennt viele Nuancen Melisse und Incan Melissa zeigen auf besonders schöne Weise, wie vielfältig die Pflanzenwelt ist. Zwei Pflanzen können einen ähnlichen Duft besitzen und unter verwandten Handelsnamen bekannt sein, ohne botanisch eng miteinander verwandt zu sein. Die echte Melisse (Melissa officinalis) gehört zu den Lippenblütlern und ist seit Jahrhunderten in der europäischen Kräuterkunde verankert. Incan Melissa (Lippia alba) stammt aus den tropischen und subtropischen Regionen Amerikas, gehört zu den Eisenkrautgewächsen und zeichnet sich durch eine bemerkenswerte Vielfalt unterschiedlicher Chemotypen aus. Beide Pflanzen besitzen ihren eigenen Charakter. Und gerade darin liegt ihr besonderer Reiz. Denn die Natur lässt sich nicht allein auf einen Duft oder einen Namen reduzieren. Ihre Besonderheit zeigt sich oft erst dann, wenn wir genauer hinsehen.

Wissenschaftliche Quellen und weiterführende Literatur 1. Royal Botanic Gardens, Kew: Plants of the World Online – "Melissa officinalis" (https://powo.science.kew.org/taxon/450084-1) und "Lippia alba" (https://powo.science.kew.org/taxon/141020-2). Botanische Systematik und natürliche Verbreitung. 2. Melissa officinalis: Composition, Pharmacological Effects and Derived Release Systems—A Review. (2022). "Volltext bei PubMed Central" (https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8998931/). 3. Tittel, G., Wagner, H. & Bos, R. (1982): Über die chemische Zusammensetzung von Melissenölen. Planta Medica, 46, 91–98. "DOI: 10.1055/s-2007-970028" (https://doi.org/10.1055/s-2007-970028). 4. Variability in the content and composition of essential oil from lemon balm (Melissa officinalis L.) cultivated in Poland. (2004). "PubMed" (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/15005424/). 5. Pascual, M. E. et al. (2001): Lippia: traditional uses, chemistry and pharmacology: a review. Journal of Ethnopharmacology. "Fachartikel" (https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0378874101002343). Hinweis: Dieser Artikel dient der allgemeinen Pflanzenkunde und Information über ätherische Öle. Er ersetzt keine medizinische Beratung. Aussagen zu traditionellen Anwendungen sind nicht mit wissenschaftlich nachgewiesenen therapeutischen Wirkungen gleichzusetzen.




Kommentare